Unser Motorrad-Test:
Mars Stella 150

Eine alte Tradition verbindet die Mars-Werke mit dem Motorradbau, denn wer von den alten Hasen hätte die wuchtige weiße Mars aus den Jahren 1922 schon vergessen. So revolutionär wie damals Mars schon im Motorradbau vorging, so eigenwillig ist auch die Mars Stella als würdiges Kind dieser Familie gehalten. Längst spruchreif, aber im Motorradbau nie so mit richtiger Begeisterung aufgegriffen, wurde bei der Mars Stella die Verwendung von Gummi als Federungs-element endlich einmal ein-wandfrei gelöst. An einem groß bemessenen Gummiblock ist, breit gelagert, die hintere Schwinggabel abgestützt und Gummibänder dienen für die Abfederung der Sattelschwinge. Selbstverständlich fehlt die vordere Teleskopgabel nicht und bemerkenswerterweise wurden wieder einmal mehr die großen 19-Zoll-Reifen gegen 16-Zoll-Reifen mit breitem Luftkissen ausge-tauscht. Bei der Entwicklung dieser Maschine wurden aber nicht Neuerungen um jeden Preis gesucht, sondern Mars verwendet den bis ins letzte ausgefeilten und in härtester Erprobung ausgereiften 150 ccm-Sachs-Motor mit 4-Gang-Getriebe. Über diesen Motor, der im In- und Ausland häufig eingebaut wird, ist nur zu bemerken, daß er erstaunlich schwingungsfrei arbeitet und selbst höchste Drehzahlen in jedem Gang ohne häßliches Vibrieren abgibt. Der Motor ließ es sich sogar gefallen, in Nachahmung der 15 Minuten Prüfstandbedingungen auf der Auto-bahn voll ausgefahren zu werden, ohne daß er mit einem nennenswerten Leistungsabfall reagierte. Das 4-Gang-Getriebe bringt das gute Leistungsverhalten des Motors vorteilhaft zur Geltung, denn die Gänge liegen in der Schaltung wie auch in der Übersetzung günstig. Nicht zuletzt diesem Umstand verdankt die Mars Stella ihre für eine 150 ccm-Maschine überaus hohe Fahrleistung. Dabei ist es weniger von Belang, daß die Maschine einen 85 kg-Fahrer aufrecht sitzend mit 82 km/st über den fliegenden Kilometer brachte und mit einem 60 kg-Fahrer sogar auf 85 km/st ging, sondern weit nützlicher ist das gute Beschleunigungsvermögen.

Bei stehendem Start schaffte die Maschine den halben Kilometer in 29,5 sec. mit 74 km/st Spitze. Für den stehenden Kilometer wurden 52 sec. benötigt, wobei die Maschine schon nahe an das 80er Tempo herankam. Wohlgemerkt handelt es sich hier, wie auch bei den folgenden Messungen nicht um Tachometer-Ablesungen oder Stoppuhrwerte, sondern diese Ergebnisse wurden mit einem selbstschreibenden Meßrad aufgezeichnet. Beim Durchschalten vom 1.-4. Gang ergaben sich, ohne daß der Motor überdreht wurde, folgende Beschleunigungswerte: von 0-20 km/st im 1. Gang 1,8 Sek. 0-30 km/st im 1. Gang 3,2 Sek. 0-40 km/st im 1. u. 2. Gang 5,3 Sek. 0-50 km/st im 1.,2. u. 3. Gang 7,9 Sek. 0-60 km/st im 1.,2., u. 3. Gang 12,0 Sek. 0-70 km/st im 1.,2.,3. u. 4. Gang 22,0 Sek. Dieses gute Leistungsvermögen ist nicht etwa nur meßtechnisch interessant, sondern kann wirklich voll ausgenutzt werden, weil die Straßenlage gerade unter den im Alltagsgebrauch vorherrschenden Fahrbedingungen dies gefahrlos erlaubt. Die auffällig steilstehende Vordergabel mit kleinem Nachlauf ergibt ausgezeichnete Fahrstabilität und gute Lenkeigenschaften. Ganz locker aus den Handgelenken geführt, genügt auch für engste Kurven ein nur leichtes Andrücken, ohne daß man zu rennmäßiger Schräglage der Maschine gezwungen ist. Die Telegabel verträgt härteste Stöße, vielleicht könnte sie sogar weicher gehalten werden. Das "beste Stück" der Machine ist, um einmal ganz untechnisch zu bleiben, der "Hosenboden-Komfort". Der Sattel ist in einer mächtig langen, bis nahe an den Steuerkopf reichenden Schwinge aufgehängt, die mit vier Gummibändern abgefedert ist. Weich schwingt der Sattel durch und gewissermaßen gelenkrichtig, weil der Drehpunkt der Sattelschwinge vor dem Kniegelenk liegt. Wenn es eines Beweises bedurft hätte, daß die Gummifederung im Kraftradbau Eingang verdient, dann wird dieser durch die Gummiblockfederung der hinteren Schwinggabel erbracht, die unverhältnismäßig große Federwege und progressive Dämpfung erlaubt. Sagt man nicht der Gummifederung gerne nach, daß sie besonders temperaturempfindlich sei? Den ganzen Winter über war hiervon nichts zu merken, obwohl die Maschine häufig mehr als-20 nachts über im Freien zu verspüren bekam.

Die riesenhaft anmutenden Bremstrommeln sind für eine 150-ccm-Maschine keineswegs revolutionär oder nur modisch, sondern nur überaus vernünftig. Nicht etwa, daß man mit groß bemessenen Bremstrommeln unbedingt einem in gleichem Maße kürzeren Bremsweg erreichen kann, sondern viel wichtiger ist es, wie die Bremsung verläuft. Die Handbremse ergab eine mittlere Verzögerung von 4,6 m/sec.², d. h., aus 40 km/st stand die Maschine alleine mit der Handbremse auf 13,4 m. Die Fußbremse alleine erbrachte eine mittlere Verzögerung von 3,6 m/sec.², das entspricht einem Bremsweg von 17,1 m aus 40 km/st. Mit Hand- und Fußbremse zusammen stand die Maschine aus 40 km/st auf 9,8 m, was einer mittleren Verzögerung von 6,3 m/sec.² entspricht. Diese weit über dem Durchschnitt der sonst festzustellenden Bremsfähigkeit liegenden Werte besagen aber nicht alles, denn es kommt entscheidend darauf an, wie die Bremsung verläuft. Die groß bemessenen Bremstrommeln erlauben eine gewisse Zurückhaltung in der spezifischen Bremsbelag- und Bremstrommelbelastung. Dadurch bleibt die Bremswirkung über die gesamte Bremsdauer nahezu völlig konstant und vor allem die häßlichen Verzögerungsspitzen, die so leicht an die Blockiergrenze heranführen und dann den Reifen seitlich wegrutschen lassen, fehlen fast gänzlich. Bei einem Bremsversuch, der gerade auf dieses Verhalten der Bremse abgestellt war, kam die mittlere Verzögerung nahezu an 85% des Maximalwetes der Verzögerungskurve heran. Dieser Wert zeigt mehr als andere Angaben, wie schön die Bremsen ausgelegt sind, wie weich und gleichmäßig sie greifen. Der Kraftstoffverbrauch ist natürlich weitgehend von der Fahrweise und den Straßen-verhältnissen abhängig. 2,1 Liter pro 100 km normales tankstellen-Benzin-Öl-Gemisch ergab sich als Normalverbrauch bei rund 55 km Dauertempo, mit 2,5 Liter pro 100km muß man im Streckenverkehr rechnen. Überzeugend ist bei dieser Mars Stella vor allem die klare Konzeption des Konstrukteurs. Hier hat die Erkenntnis Pate gestanden, daß auch dem Motorrad-Fahrer Annehmlichkeit und Fahrsicherheit geboten werden müssen. Demgegenüber gewinnt der Leistungskomfort auch beim Motorrad erst an Wert, wenn er weitgehend ohne Beeinträchtigung der Bequemlichkeit und der Sicherheit ausgenutzt werden kann. Diese nüchterne Erkenntnis hat der Mars Stella einen guten Start gesichert und wird ihr viele Freunde zuführen.




                                Wa.
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